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Britta Frey

Kinderärztin Dr. Martens 92 – Arztroman

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann…

«Herzlich willkommen in Ögela, deiner neuen Heimat, Wiebke!» Von Herzlichkeit konnte gar keine Rede sein. Und im Augenblick bezweifelte Wiebke Wolff stark, ob sie sich im Elternhaus ihres Verlobten je heimisch fühlen würde. Gleich bei der Begrüßung, die trotz der tönenden Worte ziemlich klamm ausgefallen war, hatte sie begriffen, daß Tobias' Eltern mit Sicherheit all das besaßen, was ihrer Meinung nach in einen gutbürgerlichen Haushalt ge­hörte — aber leider kein Herz. Dabei sah auf den ersten Blick alles so prächtig aus. Das Einfamilienhaus machte einen gemütlichen Eindruck, der Garten war gepflegt, die Einrichtung gediegen. Eigentlich hätte alles so schön und harmonisch sein können! Wiebke überlegte, was sie wohl so nachhaltig störte, daß keine rechte Freude aufkommen mochte. Sie fühlte sich enttäuscht, weil sie mit ganz anderen Vorstellungen hergekommen war. Sie, die keine Eltern mehr besaß, hatte geglaubt, in Tobias' Mutter ein herzliches Schwiegermütterchen zu finden, das sie, die Verlobte ihres einzigen Sohnes, in die Arme nehmen und liebevoll küssen würde. Nichts dergleichen war geschehen, und nun hätte Wiebke weinen mögen, denn sie kam sich unter dem musternden Blick der Hausfrau, die sie unab­lässig beobachtete, schrecklich ungeschickt vor und plump und falsch angezogen. Oder war sie lediglich erschöpft von der stundenlangen Autofahrt? Sie weinte natürlich nicht, weil sie wußte, daß sie damit alles verschlimmert hätte. Offenbar war der erste Eindruck, den sie auf Tobias' Eltern gemacht hatte, ungünstig gewesen. Lag's bei ihm? Hatte er seinen Eltern zuviel versprochen? Nun ja, überlegte sie, mir hat er seine Eltern ja auch ganz anders beschrieben. Danach hätten sie mir ganz anders begegnen müssen, nicht so steif und abschätzend, und wir würden jetzt nicht wie die Ölgötzen um den Kaffeetisch herumsitzen, sondern ungezwungen miteinander plaudern. «Na, wie fühlst du dich, Kleines?» Tobias wandte sich ihr zu, mit der stolzen Miene eines Knaben, der einem Kameraden einen soeben gefangenen Frosch vorführt.
118 Druckseiten
Ursprüngliche Veröffentlichung
2021

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